Neue Forschungsergebnisse zur Sensory Processing Sensitivity (Hochsensibilität)

Als Kinderarzt war mir über viele Jahre das aufopfernde Verhalten der Eltern neurodermitiskranker Kinder aufgefallen. Empfindsam und außergewöhnlich beeindruckbar, ständig ängstlich-besorgt, ließen sie kein Auge von den Kindern. Auffällig waren ihre überaus innige Zuwendung, der ständige Körperkontakt und die Angewohnheit, die Kinder ständig zu tragen. Dieses Verhalten erinnerte stark an die Merkmale der Hochsensibilität (Sensory processing sensitivity, kurz SPS). In einer ersten Pilot-Studie bestätigte sich diese Hypothese deutlicher als erwartet: Eltern, die selbst unter einer Atopie litten, zeigten deutliche Hinweise auf SPS. Ich deutete die erhöhte Responsivität der Eltern zunächst als Ko-Faktor für die Entwicklung der kindlichen Neurodermitis.

 

In einer zweiten, deutlich umfangreicheren Studie zeigte sich, dass das Risiko der Atopie eindeutig mit der Höhe der SPS zunimmt. Probanden mit sehr hohen Testergebnissen litten außerdem häufig unter heftigen psychischen Störungen, vor allem Angststörungen und Depression. Die Krankheiten waren eindeutig von der Höhe SPS abhängig, nicht umgekehrt. Wir fanden heraus, dass die Höhe der Sensorischen Verarbeitungssensitivität wiederum von Geschlecht, Alter und von der Berufsausübung beeinflusst wird. Frauen zeigen signifikant höhere SPS-Werte als Männer, der Altersgipfel der SPS liegt im 4. bis 5. Lebensjahrzehnt und Probanden mit SPS neigen zu besonders anspruchsvollen Berufen, im sozialen und kulturschaffenden Bereich. Mit diesen Ergebnissen erschien die Zunahme dieser Krankheiten in einem völlig neuen Licht.

 

Das Dilemma dieser Menschen besteht offensichtlich darin, dass sie von frühester Kindheit an, soziale Konflikte und Missstände früher und intensiver erleben als andere. Dementsprechend planen und verhalten sie sich selbst eher abwartend, vorausschauend,  vorsichtig und überprotektiv. Durch die, schon im frühen Kindesalter einsetzende intensivere Reizverarbeitung, besteht das Risiko der Überbeanspruchung vor allem dann, wenn sich die Anforderung immer schneller und kaum vorhersehbar ändern. Nach unseren Ergebnissen zeigt inzwischen nahezu die Hälfte der Hochsensiblen Merkmale der Überreizung. Dieser hohe Anteil erklärt aus der globalen „Beschleunigungskrise“ und dem damit einhergehenden sozialen und  biographischen Wandel sowie dem Tempo des technischen Fortschritts.

 



Was versteht man unter Sensory Processing Sensitivity (SPS)?

Das Empfinden eines einheitlichen Bewusstseins, das Gefühl selbstbestimmt zu handeln und Entscheidungen zu treffen, ist offenbar eine Illusion. Aktuelle Studien zeigen, unser Denken und Handeln wird mehr von der sensorischen Verarbeitungsempfindlichkeit, d. h. unbewussten Prozessen bestimmt als wir bislang fürchteten.